Salon Shabka | Privatsphäre quo vadis?

“Unser digitales Ich” bildete das Thema unseres Salons am 13. Dezember 2017 in Wien. Auf Grundlage der Dokumentation “We live in public” haben wir den Umgang mit Privatsphäre kritisch hinterfragt und diskutiert, was wichtig wäre, um Menschen im 21. Jahrhundert fit für digitalen Alltag zu machen.

Unsere Denkanstöße

Vor der Erfindung des Internets wäre die Vorstellung, die Menschheit würde sich eines Tages in einer virtuellen Realität wieder- oder gar gefangenfinden, vermutlich als hahnebüchene Absurdität abgetan worden. Seit Mitte der 1960er Jahre, in denen die Technologie des heutigen Internets ihren Ursprung fand, wurde die Technologie der vernetzten Kommunikation stetig weiterentwickelt und hat sich gleichzeitig immer mehr in unser tägliches Leben integriert. Uhren, die mittels Verbindung zu einer am Smartphone geladenen App den Fitnesslevel der jeweiligen TrägerIn speichern und auf Wunsch mit der ganzen Welt teilen;
Kühlschränke die mittels Scan ihren Inhalt im Auge behalten und gegebenenfalls automatisch Ersatz bestellen; alles das ist schon seit geraumer Zeit keine Zukunftsmusik mehr, sondern harte Realität. Das Internet of Things, wie es im Diskurs genannt wird, hat Einzug gehalten. Diverse Schätzungen reichen von 20 bis zu 50 Milliarden solcher vernetzter Gegenstände bis zum Ende der aktuellen Dekade. Die Dimension der Privatsphäre wird in der Diskussion um die weitreichenden Folgen des Internets meist zu Gunsten von öknomomischen oder sicherheitspolitischen Argumenten übergangen.

Es scheint oftmals wenig einleuchtend, wie begierig sehr viele von uns (Teile) unsere(r) Privatsphäre gegen Komfort und Praktikabilität eintauschen. Wir benutzen Produkte oder Dienste deren allgmeine Geschäftsbedingungen wir nicht nicht gelesen haben und eventuell gar nicht im Stande sind, sie zu verstehen, ohne dass sie uns von kundigen Personen übersetzt werden. Auch das Gefühl etwas zu verpassen beziehungsweise ein Bedürfnis nach einer Verbindung zum Rest der Welt oder Teil der neuesten Trends zu sein, wird oftmals als Grund angeführt, diese neuen Dienste zu benutzen.

In diesem Zusammenhang kann auch der Dokumentarfilm „We live in public“ von Ondi Timoner verstanden werden. Dieser handelt von dem ehemaligen Internetmillionär und Technologievisionär Josh Harris, der in den Jahren der Dotcom-Blase (1995-2000) mit dem ersten Internetfernsehsender pseudo.com ein beachtliches Vermögen anhäufen konnte, um es wenig später beim Platzen der Blase wieder zu verlieren. Mit einem Teil seines Vermögens finanzierte Harris seine Vision der Zukunft, indem er in einem Untergrundbunker in New York 100 ausgewählte Personen für 30 Tage mit Kost und Logie (inklusive Alkohol, Drogen und verschiedensten Unterhaltungsmöglichkeiten) versorgte. Der zu zahlende Preis für diese exklusive Erfahrung war eine Umgebung, in der totale Überwachung mithilfe von Videokameras und psychischer Einschüchterung herrschte. Mit diesem selbsterklärten Sozialexperiment „Silent“ vesuchte er zu beweisen, dass viele Menschen in der nicht zu entfernten Zukunft bereit sein werden, ihre Privatsphäre dem tiefen Verlangen nach Zugehörigkeit und Anerkennung zu opfern. Um den Aspekt der Kosten dieser Veränderungen zu untermauern, unternahm er, nach dem vorzeitigen Ende seines ersten Projekts, einen weiteren Versuch eines Experiments. Diesmal lebte er selbst zusammen mit seiner damaligen Freundin in einem Haus, in dem es keinen Ort gab der nicht über das Internet eingesehen und abgehört werden konnte. Für das Paar endete dieses Experiment in einem psychisch desolatem Zustand und dem Ende der Beziehung. ‘We live in public’ erforscht so die dunkleren Seiten des scheinbar ständig schwindenden Begriffs von Privatsphäre und gibt dabei den Denkanstoß über die Frage, ob wir gesellschaftlich auf das Kommende vorbereitet sind.

“Lions and tigers were kings of the jungle then they wound up in cages. I believe the same will happen to us.” – Josh Harris

Die Diskussion

Auf Basis dieser Inputs entstand eine lebhafte Diskussion über mögliche Auswirkungen von bereits vorhandenen Trends, aber auch die Sinnhaftigkeit und Aussagekraft solcher „Sozialexperimente“ wurde kritisch hinterfragt. Im Zuge dessen wurden Paralellen zu anderen Experimenten gezogen die unter Laborbedingungen stattfanden und wie sich diese zueinander verhalten hatten. Auch die Nähe zu Reality-TV-Sendungen wie „Big Brother“ wurde thematisiert, denn im Unterschied zu Big Brother wurden die Bilder in „Silent“ nicht an die Außenwelt übertragen, sondern waren lediglich für die Bewohner des Bunkers zugreifbar. Ein Umstand der sich in Harris‘ zweitem Experiment „We live in public“ ändern sollte.

Im weiteren Verlauf wechselte das Hauptthema der Diskussion in die Richtung des digital-öffentlichen Ichs und den Umgang mit Privatsphäre mit der speziellen Komponente der digitalen Sicherheit vor allem der Privatperson gegenüber des Staats. Hierbei wurde vor allem das Problem der unterschiedlichen Vorratsdatenspeichermodelle ausgelotet und festgehalten, dass die Größen der Datenmengen, die User produzieren, es besonders schwierig machen den Überblick zu bewahren. In Zuge dessen wurde auch auf das Problem des „Oversight of Metadata“ thematisiert, unter dem die Menge der gesammelten digitalen Daten enorme Herausforderungen verursacht diese zu analysieren und vor allem zu interpretieren. Das Bottleneck dabei ist das Herausfiltern und gleichzeitige Bewerten von Informationen, das bis dato nicht zufriedenstellend von Computern gelöst werden kann und nach wie vor oft händisch (siehe NSA) geschieht.

Zuletzt wurden noch die Placebo-Effekte von diversen Aspekten heutiger Sicherheitspolitik besprochen beziehungsweise wie viele Instrumente und Initiativen hinsichtlich der echten Herausforderungen zu kurz greifen, wie zum Beispiel, dass ein Mehr an Sicherheitsequipment wie Videokameras in Städten nicht automatisch ein Mehr an Sicherheit erzeugt. Dabei waren sich die DiskussionsteilnehmerInnen einig, dass Aufklärung, Bildung, Mitbestimmung und Demokratie, gefordert wären, die Menschen des 21. Jahrhunderts fit für den digitalen Alltag zu machen.

Stoff zum Weiterdenken

Spectrum, 16. August 2016
Popular Internet of Things Forecast of 50 Billion Devices by 2020 Is Outdated

Foreign Policy, 7. September 2016
Every Move You Make

Dokumentation 3sat, 11. Jänner 2018
Das Ende des Zufalls
Die Macht der Algorithmen: Wer wird der nächste Fußballweltmeister? Wann kommt die nächste Finanzkrise? Wo passiert die nächste Revolution? Mathematiker und IT-Spezialisten können die Zukunft aus gigantischen Datenmengen lesen.

Dokumentation 2009
We Live in Public, Official Trailer

Salon Shabka

Der Salon will Raum für politische und gesellschaftliche Diskussionen schaffen. Alle paar Wochen kommen wir zusammen, um uns abseits des sehr hektischen, raschen öffentlichen Diskurses, in dem oft simplifiziert wird, Argumente nicht gehört werden und sich meist der/die Stärkere durchsetzt, auszutauschen.

In diesem Rahmen soll intensiv und kontrovers, differenziert und abwägend, detailliert und kontextualisiert diskutiert werden. Gleichzeitig wollen wir auch der Atmosphäre akademischer Gesprächszirkel entgegenwirken, in der ein offenes Gesprächsklima meist auch nur Phantasie ist. Deshalb sind Kommentare und kritische Anmerkungen im Salon sehr willkommen.

Unsere bisherigen Salons findet ihr hier.

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