Was uns Leben und Tod Abu Bakr al-Baghdadis lehren

Die gezielte Tötung Al-Baghdadis war ein Erfolg im Kampf gegen den Islamischen Staat, sein Lebensweg gewährt Einblicke in das Versagen der US-Strategie in Nahost.

Die gezielte Tötung des Anführers des Islamischen Staates ist einer der größten Erfolge der Terrorismusbekämpfung. Dennoch, sein Aufstieg, aber auch sein Tod, geben Einblick in eine traurige Kontinuität eines strategischen Versagens des US-Nahostengagements seit der Invasion des Iraks 2003.

Vom Häftling zum Kalifen

Nach der US-Invasion in den Irak wurde Al-Baghdadi Anfang 2004 im US Gefangenenlager Camp Bucca interniert, welches Isolde Charim treffend als die “Wiege des Islamischen Staates” beschrieb. Dort kam Baghdadi mit zahlreichen aufstrebenden Dschihadisten sowie mit ehemaligen Mitgliedern aus Saddam Husseins Militär- und Geheimdienstapparaten in Kontakt. Nicht weniger als neun Köpfe der IS Führungsriege sollen gemeinsam inhaftiert gewesen sein, so auch Abdullah Qardash, der mögliche Nachfolger Al-Baghdadis.

Dieses gefährliche Netzwerktreffen hatte zwei Ursachen: Erstens wurde es verabsäumt, inhaftierte Dschihadisten von noch nicht radikalisierten Mithäftlingen zu trennen. Zweitens wurde unter dem Druck von Paul Bremer und George W. Bush der irakische Sicherheitsapparat rigoros zerschlagen. Viele ehemalige Militärs tauchten in den Untergrund ab und fanden sich schließlich im besagten Camp Bucca wieder. 2010 wurde Al-Baghdadi der Anführer des Islamischen Staates im Irak (ISI), wie Al-Qaidas damaliges Franchise Unternehmen im Irak hieß. Zu dieser Zeit stand die Terrorgruppe, die damals über kaum mehr als tausend Kämpfer verfügte, fast vor der völligen Zerschlagung. Der 2011 beendete Truppenabzug der US Armee hauchte jedoch der stark geschwächten Terrormiliz neues Leben ein. 2014 überrannte Al-Baghdadis Miliz, die sich zu der Zeit bereits von Al-Qaida getrennt hatte und sich von nun an Islamischer Staat im Irak und Al-Shams (Arabisch für Levante) (ISIS) nannte, weite Teile Ostsyriens und Nordwestiraks. Im Juni 2014 trat Al-Baghdadi zum ersten und letzten Mal öffentlich auf, als er in einer Moschee in Mossul den Islamischen Staat ausrief und sich fortan Kalif Ibrahim nannte.

An der türkischen Grenze und doch nicht gesichtet?

Barischa, ein kleiner Ort in der Provinz Idlib nahe der türkischen Grenze, dürfte Al-Baghdadi in seinen letzten Wochen und Monaten als Unterschlupf gedient haben. Der Ort und die Nähe zur Türkei stellen jedoch BeobachterInnen vor einige Rätsel. Die Region wird nämlich von Hayat Tahrir al-Sham (HTS), der Nachfolgeorganisation von Jabhat al-Nusra, dem syrischen Al-Qaida Ableger und Widersacher al-Baghdadis IS, sowie von der Türkei nahestehenden Milizen kontrolliert. Waren es also Versöhnungsversuche mit der HTS, die ihn nach Idlib brachten oder fühlte sich der meistgesuchte Terrorist in der Nähe zur Türkei sicher? Und wie gelang es Al-Baghdadi vorbei an den zahlreichen türkischen Beobachtungsposten an den Grenzen der Provinz Idlib nach Barischa zu reisen?

Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte, dass die Türkei den IS zumindest passiv unterstützen soll. Auch in den Reihen der von der Türkei ausgerüsteten Milizen, sollen sich Dschihadisten und ehemalige IS-Kämpfer befinden. Der Truppenabzug der USA und der türkische Einmarsch im Nordosten Syriens verschärfen die Situation noch zusätzlich. Hunderte IS-Kämpfer sollen im Zuge des türkischen Angriffes aus den Gefangenenlagern entkommen bzw. von den Milizen befreit worden sein, darunter auch europäische Dschihadisten. Der US-Truppenabzug, das Versagen Europas, die eigenen Dschihadexporte zurückzunehmen und vor nationale Gerichte zu stellen, aber auch der geringe Druck auf die Türkei, die immer deutlicher werdenden Verbindungen zu dschihadistischen Gruppen zu kappen, haben die Situation weiter verschärft.

Abu Bakr al-Baghdadi ist tot, der IS ist es noch lange nicht

Der erfolgreiche US-Einsatz zeigt uns wie effektiv die US-Armee bei solchen Operationen auftreten kann. Diese wäre jedoch ohne die nachrichtendienstliche Unterstützung der (einstigen) Verbündeten am Boden, den Syrian Democratic Forces (SDF), nicht möglich gewesen. Die USA sind also auf ihre Verbündeten in der Region angewiesen, wenn es um die Bekämpfung des globalen Terrorismus geht. Der Truppenabzug der USA aus dem Nordosten Syriens stellt somit nicht bloß ein moralisches Problem dar, weil er Verbündete ihren Widersachern ausgeliefert hat, sondern auch ein sicherheitspolitisches.

Auch wenn der IS durch die Zerschlagung seines Territoriums sowie durch den Tod seines Anführers, der auch aufgrund seiner Stellung als Kalif eine entsprechende religiöse Autorität unter seinen Anhängern genossen hatte, geschwächt ist, zerschlagen ist die Organisation noch lange nicht. Immer noch verfügt der IS über etwa 10.000 kriegserprobte Kämpfer. Al-Baghdadi hatte auch in den letzten Monaten Zeit, seine Organisation zu dezentralisieren und seine Strukturen in eine Guerillabewegung, die vom Untergrund aus agiert, umzubauen. Terrororganisationen wie etwa Al-Qaida oder der IS haben mit solchen Organisationsstrukturen bereits jahrelange Erfahrungen gemacht. Und auch mit den gezielten Tötungen von Führungspersönlichkeiten sind diese vertraut. So existiert Al-Qaida nach dem Tod Osama bin Ladens immer noch. Dazu kommt, dass die eigentlichen Grundprobleme, die strukturellen und sozialen, die für den Aufstieg und den Rückhalt des IS verantwortlich waren, sowohl im Irak als auch in Syrien nach wie vor vorhanden sind.

Ein Mission Accomplished ist also noch nicht zu erkennen. Darüber kann die Beförderung jenes Militärhundes zum First Dog, der Al-Baghdadi in den Tunnel hetzte, in dem er starb, auch nicht hinwegtäuschen. 

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on telegram
Share on whatsapp
Share on pocket

More from Shabka Journal

Die Türkei und ihre Beziehung zur Hay’at Tahrir al-Sham

Das vorliegende Arbeitspapier bietet einen Einblick in die Gründungsgeschichte Hay’at Tahrir al-Shams (HTS), eine der führenden salafi-dschihadistischen Gruppierungen in Idlib, und beleuchtet ihre Beziehungen zu einem der wichtigsten Regionalakteure im

Plädoyer für mehr Entwicklungspolitik

Wir befinden uns inmitten einer großen Zäsur, die sich darauf auswirkt, wie wir die Welt sehen und unsere Rolle darin verstehen. Die COVID-19 Pandemie ist ein Anstoß eines globalen Transformationsprozesses,