Rezension: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte

Nach seinen Büchern „Iran: Der falsche Krieg“ und „Wer den Wind sät“ nimmt sich Michael Lüders in „Die den Sturm ernten“ erneut den Konflikten im Nahen Osten und dem Phänomen Islamischer Staat an. Er stellt dabei den Konflikt in Syrien in einen größeren Zusammenhang und macht deutlich, wie sehr der Syrien-Krieg zu einem Stellvertreterkrieg geworden ist.

Am Beginn beschreibt Lüders in aller Kürze die Geschichte Syriens und die politischen Entwicklungen im Nahen Osten seit dem Ende des 1. Weltkriegs, dessen „Friedens(un)ordnung“ eine wesentliche Grundlage für die heutigen Probleme in der Region bildet. Sehr schnell wird in weiterer Folge auf die geopolitischen Zusammenhänge eingegangen und es wird dem Leser schnell klar, wie stark die gegenwärtigen Konfliktlinien Ergebnis unterschiedlicher Einflussnahmen, Interventionen und Machtprojektionen sind. Ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen, macht der Autor, der als Islamwissenschaftler, Publizist und nicht zuletzt als Korrespondent vor Ort ein profunder Kenner der Region geworden ist, die Komplexität des Krieges in Syrien bewusst und verknüpft die Ereignisse und Entwicklungen vor Ort immer wieder mit den größeren geo- und regionalpolitischen Zusammenhängen. Insbesondere beleuchtet er dabei die Bedeutung des Iran und Saudi Arabiens sowie die wenig beachtete Rolle der Türkei, die im Konflikt ganz eigene Interessen verfolgt und teils widersprüchliche Signale aussendet.

Syrien dient Lüders, als Schablone, gleichsam als stilistische Blaupause, nicht nur für das Verhalten des sogenannten Westens in der Region, sondern er erzählt auch jene Teile der Geschichte, die in der laufenden medialen und politischen Debatte als uninteressant und unterrepräsentiert erscheinen. Das geflügelte Wort von der Wahrheit als das erste Opfer des Krieges kommt einem bei der Lektüre unweigerlich in den Sinn. Zuweilen scheint der Autor die gestürzten oder stürzenden Machthaber und ihre Politik etwa im Irak, in Libyen oder in Syrien selbst zu relativieren, doch zeigt er damit geschickt die Absurdität von Leid, Gewalt und den vorherrschenden Erklärungsmustern auf. Er stellt damit auch die Widersprüchlichkeit von Werten und Interessen und den Zynismus in der Geopolitik dar, ohne dabei aber überhöhte idealistische Vorstellungen herbeischreiben zu wollen.

Michael Lüders fesselndes kleines Taschenbuch, das nicht nur mit allgemein zugänglichem Wissen versorgt, sondern sehr kompakt und leicht verständlich auch Hintergrundinformationen und nachrichtendienstliche Erkenntnisse aufbereitet, ist für ein breites Publikum geeignet. Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher mag damit sein Wissen über den Konflikt verdichten und der interessierte „Laie“ einen guten Einblick in die Komplexität geopolitischer Konfliktlagen bekommen.

Der Autor, der vor allem im deutschen Mainstream wegen seinem Naheverhältnis zu arabischen Interessensverbänden nicht unumstritten ist, liefert damit ein deutliches Plädoyer für mehr Differenziertheit und Ehrlichkeit im öffentlichen Diskurs und für eine ehrlichere und demokratischere Politik ab. Seine teilweise polemischen Beschreibungen, etwa wenn er über die Logik des Tötens schreibt, rütteln den Leser auf und machen die aktuelle Ohnmacht klar. Sein Ausblick insbesondere für die Region fällt dementsprechend düster aus. Dennoch lässt er das verständige Publikum nicht allein, stellt am Schluss die richtigen, nur vordergründig offenen Fragen und zeigt ihm einen Ausweg.

Rezension: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte 1Michael Lüders:
Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte

C.H Beck, München 2017, 176 Seiten, 14,95 €

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