Habe die Ehre – „Mir san do ned in Arabien“

Eine Ehrenmordkomödie – verspricht der Titel des jungen Autors Ibrahim Amir. Das Werk des Nestroypreisträgers 2013 hält dies nicht nur, sondern liefert zwischen den Zeilen gesellschaftspolitische Sprengkraft und realitätsnahen Tiefgang.

Es ist eine Schande. Die Ehefrau brennt mit einem Fremden durch, ihr Mann fühlt sich verhöhnt, der Vater empfindet die Ehre der Familie in den Dreck gezogen. Zeit zu handeln. Doch was tun? Irgendjemand muss die Angelegenheit in die Hände nehmen, den Anstand der Sippe wiederherstellen. Es bleibt nur eine Lösung: Die Hure und ihr Freier müssen sterben. Ehrenmord!

Auf den ersten Blick ist man verwundert. Diese Storyline ist nicht nur hierzulande ein heißes Eisen. Aus diesen Zutaten eine Komödie zu schmieden erfordert einen gehörigen Schuss Zynismus. Dies gelingt auf erfrischende Art: Man ist unweigerlich an Werke der Cohen Brothers erinnert. Die knappen, bissigen Dialoge und überraschenden Wendungen verleihen dieser „ernsten“ Thematik eine im wahrsten Sinne des Wortes morbide Komik, ohne auf rührende, manchmal schockierende Szenen zu verzichten. Wenn der Vater seine Tochter mit dem Gürtel verprügelt herrscht Stille im Publikum. Die Erfahrung familiärer Gewalt geht unter die Haut. Im Anschluss daran ist man veranlasst laut loszulachen, wenn sich Ehemann und Schwager einen wortwitzigen Schlagabtausch über die „Manneskraft“ liefern.

Die Gesellschaft im Spiegelbild

Wenn man sich darauf einlässt, liefert „Habe die Ehre“ allerdings weit mehr als eine komödiante Auseinandersetzung mit dem Inhalt: Dem Stück gelingt eine  behutsame Entkoppelung der Ehrenmordthematik von seinen Orientalismen, denn: es ist eine weitaus weniger „kulturelle“ Frage als es der/m ÖsterreicherIn lieb sein mag. Geht wieder einmal ein „gehörnter“ Tiroler Familienvater auf seine Frau mit einer Axt los, spricht man gerne von einem „Familiendrama“ – die Beweggründe und der Ausgang sind trotzdem ähnlich, werden aber in unterschiedliche Schubladen gesteckt, als bei „Ehrenmorden“: Bei autochthonen ÖsterreicherInnen sind es tragische Einzelschicksale, im Falle von „Ausländern“ kulturelle Unzulänglichkeiten.

Offizielle Statistiken zeichnen allerdings ein differenzierteres Bild und verweisen auf eine unfassbar hohe Zahl an Gewaltdelikten innerhalb der Familie. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, denn es kommt selten zur Anzeige. Schätzungen zufolge ist in Österreich jede fünfte Frau von Gewalt in der Familie betroffen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“

Habe die Ehre spielt auf amüsante Weise mit den sprachlichen Barrieren zwischen Ausländern und Einheimischen. Während die Dialoge der HauptdarstellerInnen bissig und facettenreich sind, verstummen sie, sobald ein Einheimischer Darsteller die Szene betritt. Waren die ProtagonistInnen zuvor noch durch Wortwitz gekennzeichnet, murmeln sie nunmehr apathisch vor sich hin und wirken plötzlich naiv und teilnahmslos.

So bemerkt ein hinzugetretener Polizist: „Sans jetzt leise. Wir san do ned in Arabien.“ Woraufhin der Schwager als einzig Deutschsprachiger antwortet: „Wir sind ja gar keine Araber.“ Hier gelingt es „Habe die Ehre“ die Rolle des stummen, Wortfetzen murmelnden Ausländers gekonnt aufzubrechen und ihn im gesellschaftlichen Diskurs wieder zu „vermenschlichen“. Angesichts der nicht gerade ausländerfreundlichen Stimmung ist das auch höchst notwendig. Auf diese Weise sensibilisiert das Stück und macht unterschiedliche Wahrnehmungen über sprachliche Grenzen hinweg bewusst.

Man muss sich darauf einlassen…

…denn die Dialoge sind bissig, scharf und energiegeladen. Man verzichtet bewusst auf eine „anständige“ Sprache, zugunsten einer Realitätsnähe, die Ihresgleichen sucht. Allerdings muss sich die etablierte Theaterbesucherin darauf einlassen. So geschah es, dass meine Sitznachbarin – eine, sie würde von sich selbst wohl sagen, „Dame von Welt“ den Theatersaal sichtlich echauffiert verlassen hat. Ihrem Kopfschütteln nach zu schließen empfand die Gute das Stück als „rüpelhaft“. Eine Messlatte für Qualität ist das frühzeitige Verschwinden dennoch nicht: Was hätte wohl Nestroy dieser biedermeierlichen Dame gezeigt? Peter Turrini hat in seinem Werk „Die Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy“ eine Vorstellung davon geliefert. Zeitgenössisches Theater ist eben gesellschaftsnahe, kritisch und herausfordernd.

Dankenswerterweise nahm die brüskierte Dame ihre wahrhaft „reizende“ Parfümwolke mit, sodass sich wieder alle Sinne diesem wirklich gelungenen Stück widmen konnten.

Links:

Ibrahim Amir im Interview

Wiener Wortstätten

Theater Nestroyhof

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